Anna, Allie, Giudi, Julia, Lucy, Michelle

Miss Allie
© Reinhard K. Saurer

Ein Viertel des neuen Musikjahres ist schon wieder dahin. Spannend für mich war es allemal. Ein absolutes Novum, dass meine Musikwelt bislang zu 90 Prozent weiblich ist. Ich suche schon verzweifelt nach männlichen Acts für die Quote;)

Zum Glück ist die neue Platte der bayerischen Indieband "The Notwist" ein absolutes Muss, auch Rainer von Vielen und Ansa Sauermann überzeugen mit ihren neuen Alben. Die deutschen Acts retten gewissermaßen die Männerwelt. Aber im Großen und Ganzen haben es mir heuer die weiblichen Stimmen angetan. Vor allem live! 

Mein erstes Live-Event des Jahres war das Bluesfest im Grazer Orpheum. Kann eigentlich fast nur männlich sein. Denkste! Und was da zum Besten gegeben wurde, war auch nicht immer der klassische Blues. Nachzuhören beim Duo "Giudi e Quani" aus Verona, Quani ist zugegebenermaßen männlich, und der ist immerhin der Gitarrist. Was Giudi (Giuditta Cestaris) aber auf der Bühne abliefert, ist die pure Energie, einfach sensationell. Mitreißender Gesang und druckvolle Drums. Anspieltipp der Opener des letzten Albums "Out of My Way" mit dem Titel "Fool Yourself". Nicht umsonst hat Veranstalter Sir Oliver Mally die Band als die besseren "White Stripes" angekündigt. Und so sympathisch!

Ebenso ein hervorragender Griff, das neue Album von Anna Mabo "Mittelschwere Ekstase", wahrscheinlich ihr bisher bestes. Intelligent, schlagfertig, witzig und verdammt gutes Songwriting. Live absolut empfehlenswert. Man könnte ihr stundenlang zuhören, während und zwischen den Songs. Ebenso interessant die deutsche Anna Mabo, die sich Miss Allie nennt. Ihr neues Album "Paradiesvogel", insgesamt bereits ihr fünftes, pendelt wieder zwischen tiefsinnig und witzig, oft nah an der Gürtellinie, aber mit ihrem Charm kratzt sie immer wieder rechtzeitig die Kurve. Aus ihrem Hit Ukulele wurde diesmal die "Ukulallie". "Die Kiste" und "Die Hälfte" beweisen, dass sie auch mit tiefsinnigen Balladen überzeugt. Im Herbst kommt Miss Allie für drei Konzerte nach Österreich. Unbedingt anschauen!

Das Gute liegt oft so nah. Ich schimpfe mich Konzertgeher und war bis vor kurzem noch nie im "Glam" in Feldbach. Noch dazu gibt es da Gratiskonzerte. Zufällig bin ich dahintergekommen, dass dort "Das Schottische Prinzip" spielt. Liedsängerin und Mastermind Julia Reißner ist zurzeit wohl eine der aufregendsten österreichischen Künstlerinnen. Sensationelles Songwriting zwischen Indiepop, Neue Deutsche Welle, Chanson und Jazz. Eine Stimme, die sich zwischen Hildegard Knef (vor allem auf dem ersten Album "Jolly") und eben Julia Reißner bewegt. Und da sind ja noch drei weitere Damen mit an Bord, in Feldbach durfte ein Herr die ausgefallene Gitarristin vertreten, Männerquote eben. "Auerhahn", "Luftverschmutzung" mit der geilen, ironisch zu verstehenden Liedzeile "Auf der Milchstraße fahren Lederlesben Motorrad" oder "Schlampe, Hure, Fotze - danke" vom ersten Album sind da Anspieltipps. 

Nur drei Tage später die nächste kleine Location. Und wieder ein großartiges Konzert. "Lucy Kruger & the lost boys" mit ihrem neuen Album "Pale Bloom" im Cafe Wolf. "The lost boys" sind natürlich allesamt weiblich. Lucy? Spannende Theatralik, die nie kitschig wird, starkes Songwriting mit elektronischen Elementen, die nie Überhand nehmen. Lucy bleibt stets im Mittelpunkt, mit berauschenden Songs wie "Damp" und "Ambient Heart". Lucy Kruger stammt aus Südafrika, lebt allerdings in Berlin. Was das Cafe Wolf und das Glam in Feldbach gemeinsam haben? Beide sind kostenlos, nur zu Ehren der Musiker geht der berühmte Hut nach Beendigung des Konzerts durchs Publikum.

Und noch eine Location habe ich zufällig ausfindig gemacht. Das "Lucia" in Wien, unmittelbar neben dem bekannten "Chelsea". Als ich letzten Mittwoch beruflich in Wien war, brauchte ich zum Tagesausklang ein cooles Konzert. Google schlug mir "Honahlei" im besagten "Lucia" vor. Da ich Honahlei bereits letztes Jahr beim Styrian Sounds kurz gehört und für okay befunden hatte, entschied ich mich hinzugehen. Erwartet hatte ich ein nettes Konzert vor einer Handvoll Leuten. Geworden ist es bisher bei allem Respekt für die oben genannten Acts, was Stimmung und Ausstrahlung betrifft, das Konzert des ersten Vierteljahres. Zu meiner Überraschung gab es einen schrägen Support namens "Charles" vormals "King Charles". Auf den King muss er zumindest im UK vorerst verzichten, obwohl er sich bereits vor dem kauzigen Monarchen so genannt hat. Trotz lässiger Songs war ein Cover von Billy Joel ("We didn´t start the fire"), satirisch umgedichtet auf die heutige gesellschaftliche und politische Lage, das Stimmungshighlight. Was Honahlei dem überraschend zahlreichen Publikum hinzauberten, war Extraklasse. Indiefolk, der unter die Haut geht, aber auch Musik, die sogar mich, der oft stoisch, Hände verschränkt, in der ersten Reihe steht und anerkennend nickt, zum Tanzen gebracht hat. Immer wieder mischt sich das Duo bestehend aus Michelle Gonzalez (vocals) aus Costa Rica und dem Gitarristen Kevin Etheridge aus Graz ins Publikum, das begeistert mitsingt. Musik, die Freude macht. Interessant noch, dass sich die beiden in Island kennen gelernt habe, wo Kevin als Tauchlehrer gearbeitet hat und die Songs teilweise auf dem Weg von den Färöer nach Dänemark auf einem Schiff entstanden sind. Echt cool.

Wie man sieht, geile Musik muss nicht immer in großen Veranstaltungshallen stattfinden und teuer sein...

Man muss nur wissen, wo man sie findet oder ein bisschen Glück haben!

Veröffentlicht am 28.03.2026

Über die Autorin / den Autor

 

reini, Albersdorf/Austria, Ilztal, Graz, English, österreichische Literatur, music forever, viele Schienen, used to perform/theatre, nothing better than live, Studio Alben auch cool, nichts geht über einen Song auf der Terrasse, am besten einen eigenen, schreiben ja, aber nicht immer, „Der Holzmotorsägenbauer“, „Sie nannten es Goal“, Sturm Graz, Graz 99ers, Steiermark but Austrian music, the young and the old ones, mit Mario film, wie hieß der schnell, meeting at the clock, Weinberge and craft beer, say father, say husband, this is all true, mein wortschatz, basta.